Schöne Gärten auf Madeira

Nach der Anreise fühlen sich viele Madeirabesucher erst einmal desorientiert, die laut Prospekt eine Blumeninsel und schöne Gärten auf Madeira erwartet hatten und nun erkennen müssen, wo sie gelandet sind: nahe der Azoren und Kanaren auf dem Gipfel eines der höchsten Vulkane der Welt. Die wunderschöne bis zu 1800 m hohe Insel ist gerade einmal das oberste Viertel des Vulkansystems. Unter dem Meeresspiegel fallen die Klippen über 4000 m bis zum Meeresboden hinab. Wind, Hitze, im Winter sturzflutartige Regengüsse ließen das Gestein zu schmalen Felsgraten und tiefen Schluchten verwittern, die das Landschaftsbild prägen.

Die Menschen sind mit der Natur dort oft gnadenlos umgegangen. Als Kapitän Zarco im Jahr 1420 Madeira als portugiesischen Stützpunkt für Entdeckungsreisen in die Neue Welt in Besitz nahm, ließ er die von dichten Lorbeerurwäldern bewachsene Insel brandroden. Sieben Jahre später brannten noch immer mächtige Feuer.

Vorwiegend Sträflinge und Sklaven aus Westafrika machten im 15. und 16. Jahrhundert das Gelände urbar und bauten an den steilen Hängen Terrassengärten und -felder. Zuckerrohr und später Wein- der berühmte Madeira- wuchsen dort und machten das Land wohlhabend. Auch die Levadas , die ausgeklügelten Bewässerungssysteme quer durchs Land mußten die Sklaven anlegen.

Die riesigen Stinklorbeerbäume (Ocotea foetens) wurden für den Schiffsbau und der Madeira- Mahagonie für Möbel und Zuckerkisten gefällt. Im Jahre 1580 plünderten Spanier die verbleibenden Baumriesen. Ihre Armada gegen England bestand vorwiegend aus maderensischem Holz .

Heute sind die Reste des Lorbeerurwalds an der Nordküste der Insel Weltkulturerbe und stehen unter Naturschutz. Die geschändete Natur hat sich längst erholt.

Da die Insel Stützpunkt für Handels- und Entdeckungsreisen war, kamen in den vergangenen fünfhundert Jahren auch Pflanzen aus aller Welt nach Madeira und mischten sich unter die einheimische Flora. Die ganze Insel wurde zum Abenteuerspielplatz für Pflanzenliebhaber. So entstanden dann wunderbare Gärten auf Madeira.

Klima und Boden lassen fast alles gedeihen. Um die Konfusion komplett zu machen, blühen die Blumen aller Jahreszeiten durcheinander. Im Januar Dahlien, Märzenbecher, Kamelien, Rosen und mehr. Blumen, die hierzulande als Kostbarkeiten gelten, wie Strelitzen oder Agapanthus wachsen dort am Straßenrand. Von den vielen heimischen Pflanzenbesonderheiten seien hier nur zwei erwähnt, der Madeira- Storchschnabel und der „Stolz von Madeira“ (Echium candicans), eine imposante Natternkopfart. Bei dieser Überfülle an Pflanzen, ein Ordnungsprinzip zu finden und einen stimmigen Garten anzulegen, ist nicht leicht.

Außerdem sind die Besucher und Bewohner Madeiras oft Globetrotter aus allen Teilen der Welt. Christoph Kolumbus lebte vor der Entdeckung Amerikas hier. Österreichs Kaiserin Elisabeth (Sissi) verbrachte dort ein halbes Jahr. Ihr Großneffe Karl I., der letzte Kaiser Österreichs, wählte als Exil das Nobelhotel Reids. Er starb völlig verarmt in Monte oberhalb der Hauptstadt Funchal. Der britische Premierminister Winston Churchill malte bei seinen Aufenthalten Bilder von der Insel. Der bekannteste Einwohner ist momentan wohl der Fußballer Cristiano Ronaldo.

Monte Palace Tropical Garden

Etwas von multikultureller Weltläufigkeit, Abenteuertum ist etlichen Gärten Madeiras eigen, etwa dem Monte Palace Tropical Garden. Die Anlage begann als Herrensitz des englischen Konsuls im späten 18. Jahrhundert, beherbergte später ein Hotel und Verwaltungsbüros. 1987 erwarb José Manuel Berardo das Anwesen, der seinen Reichtum angeblich ausgebeuteten südafrikanischen Minen verdankte. Er ließ einheimische aber auch exotische Bäume pflanzen, Seen, Brunnen, Koiteiche, Grotten und Staffagebauten anlegen.

Auf einer Reise nach Japan und China war Berardo von der Schönheit, dem Lebensstil und dem Einfluss der Portugiesen auf den Orient so beeindruckt, dass er in seinen Garten zwei orientalische Anlagen und ein Paneel mit dem Titel „Die Abenteuer der Portugiesen in Japan“ integrierte. Japanische Steinlaternen, zwei mythologische ‚Fó‘ Marmorhunde, Buddha- Skulpturen – dazu eine Sammlung portugiesischer Kacheln.

Bezaubernd ein kleiner See mit Schwänen, Tunnel führen zu verborgenen Wasserfällen und selbst die Toiletten sind noch mit alten Fliesen aus Lissabon dekoriert. Das Ganze ist eine herrliche Wildnis voller Überraschungen und Kitschelementen, die hier allerdings nicht stören sondern amüsieren.

Gärten auf Madeira: Blandy’s Garden

Ganz anders dagegen das wohl berühmteste Anwesen: Quinta do Palheiro Ferreiro, besser bekannt als Blandy’s Garden auf Madeira. Das Haus, Bilderbuchbeispiel eines Adelssitzes, ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Man kann nur den herrlichen Park besuchen, in dem man einen Augenblick lang meint, in einem englischen Landschaftsgarten zu sein, um sich gleich darauf wie in einem tropischen Dschungel zu fühlen.

Riesige Kamelien und Platanen beschatten die kopfsteingepflasterte Auffahrt. Sie wurden noch vom ersten Eigentümer, dem Grafen von Carvalhal gepflanzt, der in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts in England lebte. Nach seiner Rückkehr ließ er er einen Teil seines Besitzes im englischen Stil anlegen. Die feuchtkühle Luft der Hügellage eignet sich dazu ausgezeichnet.

Dennoch verfällt niemand auf den Gedanken, diese Landschaft mit dem nördlichen Europa zu verwechseln. Anstelle von Gänse- und Butterblümchen zaubern hier Kalla, Sauerklee und Montbretien bunte Blütenteppiche auf die Wiesen. Zum vertrauten Zwitschern von Rotkehlchen und Amsel gesellt sich der Gesang der exotischen Goldhähnchen. Farbenfrohe Falter gaukeln Nektar suchend von einer Blüte zur nächsten.

Die Nachfahren des Grafen brachten das ererbte Vermögen rasch durch. Der Garten wurde regelrecht verspielt und kam 1885 in den Besitz der englischen Familie Blandy, die auf der Insel durch Weinhandel und Reederei reich geworden war. Mildred Blandy, eine passionierte Gärtnerin, ließ Gewächse aus ihrer südafrikanischen Heimat , aber auch aus China, Japan und Ozeanien pflanzen und begründete so jene zauberhafte Mischung aus Pflanzen gemäßigter Breiten und tropischer Regionen, die das ganze Jahr über mit stets neuen Blüten faszinieren. So entstand einer der schönsten Gärten auf Madeira.

Von dem weitläufigen Garten seien hier nur einige Highlights genannt: die üppigen, tiefen Staudenbeete, die immer blühen, die eleganten Buchsbaumhecken und Formgehölze, der bekannte Senkgarten und der Damengarten, der wohl reizvollste Teil des Anwesens. Eine Schar aus Buchsbaum geschnittenen Pfauen brütet dort auf ihren Gelegen. Zum Abschluss noch das Inferno, ein kleines Tal mit umgestürzten Bäumen, in dem einheimische Lorbeergewächse, exotische Baumfarne und Philodendren wuchern. Eins wird bald klar: in Blandy’s Garden gelang – durch eine klare Gliederung der Fülle – eine wunderbare Synthese der Kulturen, eine Harmonie der Pflanzen aus aller Welt.